Buch-Empfehlung: Sighard Neckel et al.: Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit gilt für gewöhnlich als normative Leitidee, deren Umsetzung zur Lösung drängender gesellschaftlicher und ökologischer Herausforderungen beitragen kann. Am Beispiel der nachhaltigen Geldanlage wird das deutlich: durch die Einbeziehung von Nachhaltigkeit in finanzwirtschaftliche Prozesse soll ein Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Zukunftsfähigkeit geleistet werden. Das allgemeine Verständnis von Nachhaltigkeit ist vor allem von dieser Sichtweise geprägt.

Mit dem Buch „Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit“ hat der Soziologe Sighard Neckel gemeinsam mit seinem Team diesen Blick umgekehrt: hier dient Nachhaltigkeit als eine Beobachtungskategorie, um Aufschluss darüber zu geben, „welcher sozialökonomische Wandel sich vollzieht, welche neuartigen Konfliktlinien entstehen und welche Ungleichheiten und Hierarchien sich herausbilden, wenn Gesellschaften der Gegenwart zunehmend Kriterien von Nachhaltigkeit in ihre Institutionen, Funktionsbereiche und kulturellen Wertmuster integrieren.“ Was macht also die Nachhaltigkeit mit uns?

Neckel, der als Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel am Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Hamburg forscht und lehrt, hat zusammen mit fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein spannendes Buch geschrieben, das nicht nur, aber insbesondere für die aktuelle Debatte rund um die nachhaltige Geldanlage zum richtigen Zeitpunkt erschienen ist. Denn wer diese Debatte aufmerksam verfolgt kommt zum Schluss, dass es nicht mehr ausschließlich darum geht, die Finanzwirtschaft nachhaltiger zu machen, sondern dass es zunehmend auch darum geht, das Thema Nachhaltigkeit als profitable Grundlage für das Geldanlagegeschäft zu vereinnahmen. Diese „Finanzialisierung von Nachhaltigkeit“ (siehe den Beitrag von Natalia Besedovsky in diesem Buch) zeigt sich nicht zuletzt darin, dass zentrale Begrifflichkeiten des Nachhaltigkeitsdiskurses mit finanzwirtschaftlichen Deutungen überformt werden. Ist zum Beispiel der Begriff Risiko im Nachhaltigkeitsdiskurs eng mit der Vorstellung von Prävention und Vorsorge verbunden, wird er in einer Finanzmarktrationalität zu einer kalkulierbaren Variablen, die Profite ermöglicht und „kompensiert“ werden kann. Es besteht die Gefahr, dass Nachhaltigkeit damit in ihr Gegenteil verkehrt wird.

Das Buch spürt den verschiedenen Facetten von Nachhaltigkeit aus soziologischer Sicht nach und leistet damit einen wichtigen Beitrag für die Forschung zum Thema nachhaltige Geldanlagen, die von Anfang an und ganz wesentlich auf Interdisziplinarität angewiesen ist. Es muss zunehmend nachdenklich stimmen, dass aktuelle Prozesse wie jene der EU-Initiative Sustainable Finance zwar noch punktuell wirtschaftswissenschaftliche Expertise einbeziehen, ansonsten aber ohne Berücksichtigung der interdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung auszukommen scheinen. Die Beiträge in diesem Buch stecken aus soziologischer Perspektive wichtige Felder eines Forschungsgebietes ab, die derzeit in der Diskussion um nachhaltige Geldanlagen eindeutig zu kurz kommen. Für all jene, die der Frage nachgehen, was nachhaltige Geldanlagen sein sollen, erweist sich das Buch „Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit“ – das im Übrigen gut verständlich geschrieben und in thematisch voneinander säuberlich getrennte Kapitel strukturiert ist – als aufschlussreiche Reflexionsgrundlage.
Sighard Neckel et al., Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Umrisse eines Forschungsprogramms, transcript Verlag Bielefeld, 2018, 147 Seiten. Mit Beiträgen von Sighard Neckel, Natalia Besedovksy, Moritz Boddenberg, Martina Hasenfratz, Sarah Miriam Pritz und Timo Wiegand.

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