Was ist Nachhaltigkeit und ab wann kann man von nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensstilen sprechen? Um eine Antwort auf diese Fragen wird in der internationalen Nachhaltigkeitsdebatte seit vielen Jahren gerungen. J. Daniel Dahm ergänzt diese Debatte mit seinem Vorschlag einer „Sustainability Zeroline“.

Diese „Nachhaltigkeitsnulllinie“ basiert auf der Erkenntnis, dass wirtschaftliche Aktivitäten aus Nachhaltigkeitssicht sowohl positive als auch negative Effekte (Externalisierungen) zur Folge haben können. Gleichen sich die positiven und die negativen Effekte aus, spricht Dahm von der Sustainability Zeroline. Nachhaltigkeit beginnt also, wenn die positiven Effekte des wirtschaftlichen Handelns und unseres Lebensstils deren negative übersteigen. Nach Dahm müssen die positiven die negativen Effekte sogar sehr deutlich übersteigen, will man die Fehler der Vergangenheit zumindest teilweise wiedergutmachen. Gemessen am ökologischen Fußabdruck verhält sich die Menschheit in Summe nicht nachhaltig: der Raubbau an den natürlichen Ressourcen nimmt kein Ende, das Artensterben nimmt unaufhaltsam zu und einige ökologische Grenzen („Planetary Boundaries“) sind bereits deutlich – und manche sagen: unumkehrbar – überschritten. Das Stichwort ist die Zukunftsfähigkeit: „Zukunftsschädigend verhält sich die Menschheit dann, wenn sie mehr an natürlichen Lebensgrundlagen verbraucht, als sich über die natürliche Wertschöpfung wieder regenerieren lässt. Wird das über einen längeren Zeitraum fortgesetzt, beraubt es uns schleichend unserer Lebensgrundlagen.“ (S. 161)

Dahm, der Geografie, Biologie und Ethnologie mit Schwerpunkt Ökologie studiert sowie über zukunftsfähige Lebensstile und urbane Subsistenz promoviert hat, beschreibt im ersten Teil seines Buches zentrale Grundlagen des Lebens (z.B. „Lebendigkeit zwischen Syntropie und Entropie“) und erläutert, wie es zur „planetaren Krise“ kommen konnte. Dabei kritisiert er die Destruktivität des herrschenden wirtschaftlichen Ordnungsrahmens ebenso vehement wie die gängigen numerisch-quantitativen Maßstäbe für wirtschaftliche Entwicklung. Auf der Grundlage dieser Analyse entwickelt Dahm im zweiten Teil des Buches seinen Vorschlag für eine Nachhaltigkeits-Benchmark: die Sustainability Zeroline. Diese grenzt er von aktuellen Methoden der Vermessung von Nachhaltigkeit ab, welche er als zu wenig konsequent oder zu sehr an Kompromissen orientiert beschreibt. Doch ist selbst diese Sustainability Zeroline vor allem eine Gesprächsgrundlage: denn wenngleich Dahm konkrete Vorschläge für Indikatoren und Bewertungsgrundlagen von Nachhaltigkeit benennt, betont er doch gleichzeitig, dass diese noch einer Präzisierung und Vervollständigung bedürfen.

Man muss nicht mit allen Argumenten und Thesen einverstanden sein, die in diesem Buch vertreten werden. Im ersten Teil des Buches werden die Prinzipien der Natur auch als Blaupause für gesellschaftliche Prozesse dargestellt – manchmal zu verallgemeinernd. Die sich durch das Buch ziehende Kritik am Kapitalismus ist bestimmt nicht unberechtigt, verkennt aber, wie sehr dieser in den letzten zwei Jahrhunderten zu einer noch nie da gewesenen Steigerung von Lebensqualität beigetragen hat. Und dass Dahm in den Normen, Labels, Siegeln, Ratings und Rankings zum Thema Nachhaltigkeit eher einen Teil des Problems und weniger einen Teil der Lösung erkennt – darüber könnte man auch noch trefflich diskutieren. Trotzdem: Dahm‘s Kritik an gängigen Praktiken und Methoden der Nachhaltigkeitsmessung und seine Zuspitzungen machen auch nachdenklich.

Das Buch ist für all jene, die an einer fundierten Aufarbeitung der biosphärischen Grundlagen und Rahmenbedingungen des Lebens interessiert sind und Anregungen für eine präzisere Fassung des Begriffs der Nachhaltigkeit suchen, ein Gewinn. Es gelingt dem Autor, komplexe Fragen und Herausforderungen zu entzerren und verständlich zu machen, ohne diese dabei zu banalisieren. Die Sustainability Zeroline ist nicht nur ein wichtiger Beitrag zur Schärfung des Nachhaltigkeitsbegriffs, sondern auch eine Anregung, die bestehenden Konzepte und Werkzeuge des Nachhaltigkeitsmanagements kritisch zu prüfen. „Benchmark Nachhaltigkeit: Sustainability Zeroline“ ist vor allem aber ein Appell für ein zielgerichtetes und konsequentes Handeln, um die Zukunftsfähigkeit der Menschheit zu ermöglichen. Und dafür ist es höchst an der Zeit.

J. Daniel Dahm - Benchmark Nachhaltigkeit: Sustainability Zeroline, transcript Verlag Bielefeld, 2019, 202 Seiten.

 

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