Geldanlage bei den DAX-30-Unternehmen: Welche Rolle spielt die Nachhaltigkeit?

DAX-30-Unternehmen veranlagen zusammen ca. 300 Milliarden Euro
Im Juni 2014 hat CRIC im Rahmen seiner Engagement-Aktivitäten untersucht, wie die 30 Unternehmen des Deutschen Aktienindex (DAX-30-Unternehmen) ihre Gelder veranlagen. In einem ersten Schritte hat man hierfür die in der Bilanz für das Geschäftsjahr 2012 ausgewiesenen Zahlen analysiert und herausgefunden, dass die DAX-30-Unternehmen in Summe über ca. 300 Milliarden Euro an veranlagtem Finanzvermögen verfügen. Der überwiegende Teil dieses Betrags besteht aus Rücklagen für Pensionsansprüche und wird somit grundsätzlich langfristig veranlagt. Der Rest der Gelder wird bei den Unternehmen mit unterschiedlichen Zielsetzungen und von daher in unterschiedlichen Fristigkeiten veranlagt.

In einem zweiten Schritt wurde versucht zu ermitteln, ob, in welchem Umfang und in welcher Weise bei der Anlage dieser Gelder ethische oder nachhaltige Aspekte berücksichtigt werden. Hierbei stützte man sich in erster Linie auf Veröffentlichen der Unternehmen bzw. öffentlich zugängliche Informationen in den Medien. Dabei konnten – bis auf wenige Ausnahmen – bei den meisten Unternehmen keine nennenswerten Hinweise dafür gefunden werden, dass bei der Anlage des Finanzvermögens soziale und ökologische Anlagekriterien berücksichtigt werden.

Schließlich wurden in einem dritten Schritt Vertreter (jeweils CEO, CFO und Nachhaltigkeitsbeauftragte) der DAX-30-Unternehmen angeschrieben. In diesem Anschreiben wurde einerseits nachgefragt, ob Ethik und Nachhaltigkeit eine Rolle bei der Anlage der Unternehmensgelder spielen und andererseits ein Gespräch zum Austausch von Informationen und Erfahrungen angeboten.

Allianz und MunichRe als Vorreiter
Von den 30 DAX-Unternehmen haben zwölf auf dieses Anschreiben reagiert. Mit vier dieser zwölf Unternehmen wurden ausführliche Gespräche geführt, die restlichen 8 Unternehmen haben mitgeteilt, das Thema zu verfolgen, sahen aber keinen weiteren Information- oder Gesprächsbedarf. 18 Unternehmen haben auf das Anschreiben überhaupt nicht reagiert.

Als ein erstes Ergebnis kann festgehalten werden, dass sich nur zwei Unternehmen systematisch und vertiefend mit Fragen der ethischen oder nachhaltigen Geldanlage auseinandersetzen: Allianz und MunichRe. Bei diesen beiden Unternehmen – die unter den DAX-30-Unternehmen auch die einzigen Unterzeichner der Principles for Responsible Investment (PRI) der Vereinten Nationen sind – gibt es nicht nur ein klares Bekenntnis zu Ethik und Nachhaltigkeit in der Geldanlage, sondern auch konkrete Aktivitäten und Strategien.

Einige wenige Unternehmen – wie etwa BASF, BMW, Daimler, Henkel oder Linde – sind für das Thema bereits sensibilisiert und prüfen z. B. bei der Auswahl der Vermögensverwalter und Asset Manager, inwieweit Kriterien der Nachhaltigkeit im Rahmen des Portfolio Management berücksichtigt werden. Andere Unternehmen – wie zum Beispiel Bayer – betonen, dass man sich der Bedeutung des Themas bewusst ist und entsprechende Richtlinien und Verfahrensweisen zu entwickeln bemüht ist. Die überwiegende Anzahl von Unternehmen sieht jedoch keine Notwendigkeit, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.

Das Ergebnis entspricht dem Trend der nachhaltigen Geldanlage an sich …
Dieses Ergebnis ist einerseits nicht sonderlich überraschend, sondern eher exemplarisch für Innovationen insgesamt: Noch vor 10 oder 15 Jahre war das Thema weitgehend unbekannt, in der Zwischenzeit aber haben vereinzelt Akteure aller Bereiche der Finanzwirtschaft – bei den Asset Managern, bei den Banken, bei den Finanzdienstleistern, bei den öffentlich-rechtlichen Institutionen und eben auch bei den Investoren – die zunehmende Bedeutung der Berücksichtigung von sozialen, gesellschaftlichen und ökologischen Kriterien bei der Geldanlage erkannt und entsprechende Expertisen und Kompetenzen entwickelt. Sie gelten heute als Vorreiter in jenem Bereich des Finanzmarktes, dem eine zunehmende Bedeutung attestiert wird.

… und widerspricht streng genommen dem Grundsatz verantwortlicher Unternehmensführung
Zum anderen ist das Ergebnis aber doch überraschend: Dass der Großteil der DAX-30-Unternehmen noch keine nennenswerte und über eine bloße Kenntnisnahme der Thematik hinausgehende Strategie entwickelt hat, ist angesichts der vielen Hinweise auf die – auch ökonomischen – Vorteile der nachhaltigen Geldanlage erstaunlich. Und auch ökonomisch unverständlich: Gerade in der Asset-Klasse Aktien gibt es zunehmend empirische Belege dafür, dass die Integration von sozialen, gesellschaftlichen und ökologischen Kriterien in das Asset Management keine Renditeeinbußen zur Folgen hat, sondern vielmehr in der Lage ist, zu einer Risiko-Rendite-Optimierung beizutragen.

Dazu kommt, dass die Berücksichtigung von Ethik und Nachhaltigkeit bei der Geldanlage durch zahlreiche unterschiedliche Ansätze und Verfahren zu erreichen ist, welche es Investoren ermöglichen, auf spezifische Erfordernisse und Präferenzen differenziert einzugehen. Wer bestimmte Geschäftsfelder und -praktiken nicht ausschließen will, kann etwa über Positivkriterien, den Best-in-Class- oder Engagement-Ansätze individuelle Zugehensweisen zu einer verantwortlichen Anlagepolitik finden.

Mehr noch: Da das Image von Unternehmen immer mehr davon geprägt ist, welchen Beitrag das Unternehmen für Gesellschaft und Umwelt leistet, wäre es naheliegend, dass sich Unternehmen in allen Unternehmensbereichen um ein verantwortungsvolles Handeln bemühen. Umso erstaunlicher ist es, dass die meisten der DAX-30-Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten lediglich auf die eigenen Produkte und Dienstleistungen fokussieren und diese auch in ihren Nachhaltigkeitsberichten kommunizieren, dass sie darüber hinausgehende Verantwortungsfelder - wie zum Beispiel eine auch in sozialer, gesellschaftlicher und ökologischer Hinsicht verantwortungsvolle Geldanlage - weitgehend unberücksichtigt lassen.

Best Practice
Dass es auch anders geht, zeigen die Beispiele von Allianz und MunichRe. Bei Allianz hat man zum Beispiel nicht nur die Principles for Responsible Investment und Principles for Sustainable Insurance der Vereinten Nationen unterzeichnet, sondern darüber hinaus einen internen ESG-Prüfungsprozess initiiert, bei dem auf Einzelfallbasis geprüft wird, ob und wie soziale und ökologische Risiken gemindert werden können. Bei der Anlage der eigenen sowie der Kunden-Gelder werden von Allianz Asset Management Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekte (Environmental, Social, Governance – ESG) berücksichtigt und sowohl Unternehmensdialoge geführt als auch Aktionärsrechte durch die Ausübung von Stimmrechten wahrgenommen. Innerhalb der Allianz ist das Thema der nachhaltigen Geldanlage ein von der Vorstands-Etage aus betriebenes Anliegen. Das Thema der nachhaltigen Geldanlage ist bei der Allianz strategisch verankert und umfassend operationalisiert: Es gibt zum Beispiel ein klares Bekenntnis der Unternehmensleitung und Richtlinien für Asset Manager.

Auch MunichRe hat die Zeichen der Zeit erkannt: Als erstes deutschen Unternehmen unterzeichnete die MunichRe Gruppe im Jahr 2006 die Principles for Responsible Investment, 2012 die Principles for Sustainable Insurance. Bereits seit 2005 gibt es konzernweit verbindliche General Investment Guidelines (GIG). Corporate Responsibility bildet einen integralen Bestandteil der Konzernstrategie und schlägt sich auch im Asset Management der konzerneigenen Kapitalanlagegesellschaft MEAG nieder: es wird mit Ausschlusskriterien (z.B. Agrarrohstoffe), Positivkriterien (z.B. erneuerbare Energien) und dem Best-in-Class-Ansatz gearbeitet. Darüber hinaus beteiligt sich die MunichRe an zahlreichen Initiativen zum Ausbau und zur Weiterentwicklung nachhaltiger Anlagekonzepte und -standards.

Fazit: Zwei Vorreiter und viel Luft nach oben
Nachhaltige Geldanlagen sind für die meisten DAX-30-Unternehmen noch ein Fremdwort, nur eine kleine Minderheit der Unternehmen ist für das Thema sensibilisiert und von lediglich zwei Unternehmen kann gesagt werden, dass das Thema einen integralen Bestandteil der Unternehmensstrategie bildet. Freilich kann man selbst noch bei diesen Vorreitern Kritik üben oder beklagen, dass mehr geleistet werden kann und das jeweilige Nachhaltigkeits- oder ESG-Verständnis ökonomisch dominiert ist: Die Integration von ESG-Kriterien diene (lediglich) dazu, Renditeziele zu erreichen. Übersehen wird dabei, dass Investoren über unterschiedliche Voraussetzungen und Möglichkeiten der Integration von nachhaltigen Anlagestilen verfügen und die Herausforderung von Investoren gerade darin besteht, im Rahmen ihrer jeweiligen Funktion und Rolle verantwortlich zu agieren. Dies ist auch eine Kernbotschaft der CRIC-Definition verantwortlich Investierender: Es gibt nicht den einen „richtigen“ Anlagestil oder das eine „verantwortliche“ Anlageprodukt – es gibt aber die Verantwortung von Investoren, in der ihnen eigenen Situation so zu handeln, dass soziale, gesellschaftliche und ökologische Belange nicht unter die Räder kommen. Dieser Verantwortung gerecht zu werden ist eine große Herausforderung auch für Unternehmen, die Finanzvermögen anlegen. Dass der Großteil der DAX-30-Unternehmen die Verantwortung bei der Geldanlage bislang ausblendet, ist enttäuschend. Dass es einige wenige Unternehmen gibt, die das Thema professionell umsetzen oder zumindest auf dem Weg dahin sind, gibt Hoffnung.

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